Das Haflinger Pferd im Ursprungszuchtland

Das Haflinger Pferd ist mit Sicherheit in der italienischen Region Südtirol geboren, mit der es streng verbunden ist. Laut der Tradition lebte ein Bergpferd, das nicht zu hoch und ziemlich kräftig war und seinen Ursprung in einem berühmten Gestüt für vom Burgunder Reich importierte Pferde fand, schon seit dem Mittelalter im Gebiet in der Nähe von Hafling. Das Gestüt wurde 1342 vom Kaiser Ludwig 4. dem Sohn Ludwig Markgraf von Brandenburg anläßlich seiner Hochzeit mit Margarete Maultasch Prinzessin von Tirol geschenkt. Unabhängig von der Tradition steht es sicher, daß die bodenständige traditionell seit vielen Jahrhunderten in diesem Gebiet gezüchtete Pferdebevölkerung dazu diente, Waren durch die Alpen über Bergpäße und Wege entlang der Etsch- und Inntäler zu befördern.

Die Pferdebevölkerung in Südtirol wurde im Laufe der Jahrhunderte von anderen Rassen beeinflußt, vor allem infolge des Imports von Tieren aus dem Osten, wo sich die Besitzer der zahlreichen heute noch auf den Alpen zu bewundernden Schlössern zu Handelszwecken begaben.

Die Rasse verdankt seinen Namen dem Dorf Hafling in der Nähe von Meran: der Name Haflinger Pferd oder einfach Haflinger bezeichnete stets das Bergpferd, das in diesem Gebiet gezüchtet wurde; also ein nicht zu schweres Arbeitspferd. Der Name Avelignese ist einfach die italienische Übersetzung des Wortes Hafling (das Dorf hieß nämlich Aveligna bzw. Avelengo).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das ursprünglich Saumpferd nicht stark genug, um als Zugpferd benutzt zu werden und wurde deshalb mit schwereren Tieren gekreuzt, bis das Kriegsministerium in Wien sich um diese Pferderasse kümmerte, weil es besorgt war, die Rasse könnte zu schwer und deshalb zu den militärischen Zwecken ungeeignet werden. Im Jahre 1873 führte die österreichische Regierung den arabischen Hengst El Bedavi XXII (liz. 133) in Südtirol gegen die Widerstände der Bauer ein. Der Hengst war 1868 geboren und gehörte dem Hengstenbestand in Radautz (Bukowina) an. El Bedavi XXII war direkter Nachkomme des rein arabischen Pferdes El Bedavi I, geb. 1837 aus dem Hengstenbestand in Bàbolna (Ungarn), dem Stamm von El’ Bedu angehörend.

Infolge der Paarung von El Bedavi XXII mit einer ortsansässigen Stute, die Josef Folie aus Schluderns in Vingschau besaß, kam ein wunderschönes Fohlen zur Welt, das der stolze Züchter mit seinem Familienname nannte: FOLIE.

Folie (liz. 249) hatte falbe Deckhaare mit einer Maultierscheitel, die es von der Mutter geerbt hatte und vielen seiner Nachkommen übertrug. In diesem Pferd verbanden sich die Kraft und die für Haflinger als Bergpferde typischen Merkmale mit der Anmut und der arabischen Eleganz des Vaters. Der Hengste Folie wurde seit 1878 und gut 19 Jahre lang auf der Deckstation in Laas gehalten, die dem Züchter Rochus Eberhofer gehörte.

Folie ist der Begründer der modernen Haflinger Rasse und mit ihm beginnt die Körungsgeschichte unseres Pferdes.

Die österreichische Regierung, die von der typischen Schönheit Folies überzeugt war, kaufte alle Fohlen, die seine Merkmale aufbewahrten.

20 Jahre nach den ersten Folie-Nachkommen war das Haflinger Pferd vor der Verwandlung in ein schweres Pferd gerettet, es war hingegen ein gutes Reitpferd geworden. Am 7. April 1896, Ostermontag, fand das erste Haflinger Bauerngalopprennen anläßlich des Landesfestes in Tirol statt, das zum Feiern der Eröffnung der Passeiertal-Straße unter der Schirmherrschaft der Prinzessin Pauline von Metternich und des berühmten Schriftstellers Carl Wolf und Herrn von Leon organisiert wurde. Der Bauer Mathias Zöggeler aus Hafling gewann das Rennen. Heute noch zweimal im Jahr - am Ostermontag und im Oktober - finden Haflinger Rennen in der Meraner Pferderennbahn statt. Die Haflinger werden durch Jockeien geritten, die die traditionellen Kleidungen der Ursprungsgebiete anhaben.

1897 trug ein durch den Graf und Militär aus Südtirol sowie überzeugten Befürworter der Rasse Friedrich Hartig geförderter Ad-Hoc-Ausschuß 220 Stuten in das erste Haflinger Zuchtbuch ein. Dank des durch Graf Hartig ausgeübten Drucks gewährte das österreichische Landwirtschaftsministerium die offizielle Anerkennung der Haflinger Rasse durch Erlaß am 2. Mai 1898. Seit 1899 förderte die österreichische Regierungspolitik die Haflinger Zucht und gewährte den Besitzern der besten mit guten Hengsten gepaarten Stuten Beiträge, kaufte jährlich Hengste zur Belegung auf dem Staatsdepot, vertraute Privaten die Deckstationen mit Staatshengsten an, förderte die privaten Hengstezüchter, stellte eine öffentlich verwaltete Alm zur Verfügung der Fohlen und organisierte Messen mit reichen Preisen. Seit 1904 wurde das Zuchtbuch durch die Haflinger Pferdezuchtgenossenschaft in Mölten ständig aktualisiert und die Besamungen der Hengste wurden durch das Hengstedepot in Stadl Lampach in Österreich eingetragen: zum ersten Mal wurden alle Haflinger mit einem Brandmal gekennzeichnet.

Der Erste Weltkrieg, wo die Haflinger durch die österreichische Armee eingesetzt wurden, schloß sich mit dem Vertrag von Saint Germain ab, der Italien Südtirol einverleibte.

Die italienischen Behörden waren sich der Bedeutung dieser Rassenzucht sowie der großen auf die neue politische Lage zurückzuführenden Schwierigkeiten vielleicht zunächst nicht bewußt: paradoxerweise befanden sich fast alle Hengste im österreichischen Depot, während der Großteil der Haflingerstuten den Züchtern in Südtirol gehörte. Um die Gefahr der Zerstreuung eines reichen Zuchtbestands zu bewältigen kaufte Österreich sehr bald (1927) Stuten von Bauern in Südtirol, während Südtirol den eigenen Hengstebestand wiederaufbauen sollte.

Es waren schwierige Zeiten: die Anzahl und die Qualität der Haflinger waren infolge des Kriegs zurückgegangen und die Bauern erhielten die Beiträge der österreichischen Regierung nicht mehr.

Noch einmal spielte Graf Hartig eine Schlüsselrolle; dabei überzeugte er den neuen italienischen Provinztierarzt Pietro de Paoli, an seiner Initiative teilzunehmen: im Januar 1921 wurde der außerordentliche Pferdeausschuß der Provinz mit dem Ziel eingesetzt, die Haflingerzucht mit den Fördermitteln und Unterstützungen der Vorkriegszeit planmäßig aufzubauen. Im Herbst 1922 wurde die erste Vatertiereschau veranstaltet, die einen großen Publikum- und Markterfolg hatte. Der Ruf der Haflinger verbreitete sich inzwischen überall in Italien und 1924 wurde der außerordentliche Pferdeausschuß der Provinz aufgrund des erworbenen Erfolgs zum ordentlichen Ausschuß und in Meran wurde die Haflinger Fördergenossenschaft (S.I.C.A.M.) mit über 500 Mitgliedern begründet.

De Paoli war auch persönlich engagiert und 1923 veröffentlichte eine sehr schöne Monographie über die Rasse, die mehrmals neu aufgelegt wurde. In Bozen leitete er eine Auskunft- und Förderungsstelle mit dem Hauptziel, Haflinger im Land zu verkaufen. Dank seines Engagements begeisterten sich zahlreiche Persönlichkeiten der Politik und der Wirtschaft für das falbe Haflinger. Selbst das Königshaus kaufte Haflinger Pferde zum Jagen und Erbprinz Umberto di Savoia war hoher Gast bei dem Galopprennen am 28. April 1923. Dank des Einsatzes von De Paoli nahmen Rassenexemplare an den Landwirtschaftsausstellungen in Mailand und Turin an. Im Hinblick auf die Züchtung hat De Paoli den großen Verdienst, die Kreuzungen mit dem schweren Norischen Pferd zu verbieten, was eigentlich der österreichischen Verwaltung nicht gelungen war.

1929 untersuchte der Provinzpferdeausschuß ca. 1.000 Haflinger Stuten und wählte die besten aus: 330 Stuten wurden ins erste Zuchtbuch eingetragen, das 1931 mit dem Titel "Ursprungszuchtbuch der Haflingerrasse in Italien" durch das Reichshengstedepot in Ferrara (unter dessen Jurisdiktion die Region Südtirol fiel) veröffentlicht wurde: es handelte sich um ein "geschlossenes" Buch, wo die besten Exemplare identifiziert wurden, von denen alle Haflinger abstammen sollten. Im Buch sind weiterhin 40 Hengste aufgelistet: 18 davon gehören dem Staat an, 17 sind in privater Hand von Bauern aus Südtirol, 4 sind im österreichischen Besitz und 1 gehört der albanischen Regierung an.

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verbreitete sich die Haflingerrasse bald in allen italienischen Regionen und die Körung wurde durch die Hengstedepots gepflegt, die später zu Pferdeförderungsinstituten verwandelt wurden. In der Provinz von Trient kamen Haflinger in der Landwirtschaft - und insbesondere im Weinbau - zum Einsatz. 1931 wurden Haflinger Vatertiere aus dem Institut Santa Maria Capua Vetere zum ersten Mal auf der Station Piano del Conte (Potenza) eingesetzt; die Rasse war somit in dieser Provinz verbreitet und erhielt 1952 einen neuen Antrieb, als viele Stammbuchstuten importiert wurden. Dieses Institut hat darüber hinaus zur Schaffung der berühmten Züchtungsstelle San Marco dei Cavoti (Benevento) beigetragen. Seit 1932 wurden Haflinger Hengste in der Lombardei gezüchtet, während neue Gestüte in der Toskana nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurden.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war Herr Karl Thurner aus Nordtirol Zuchtleiter; er erkannte die traditionellen "Blutlinien": die für die damalige Selektion zweckmäßige Schaffung der sieben Blutlinien (A, B, M, N, S, ST und W) hatte das Ziel, die Hengstengruppe (Nachkommen der Rassenbegründer: Anselmo, Bolzano, Massimo, Nibbio, Stelvio, Student und Willi - alle Nachkommen von Folie) zu identifizieren, die zweifellos bestimmte Merkmale übertrugen, um das Problem der Blutverwandtschaft zu vermeiden und den Züchtern beim Auswählen der Hengste zu helfen, die mit den eigenen Stuten gepaart werden sollten. Mit der Zeit und durch die Nachkommenschaftsverbreitung haben sich diese Merkmale selbstverständlich geändert und die Blutlinieneinheitlichkeit ist geringer geworden. Trotzdem identifizieren die Züchter die eigenen Pferde traditionell noch mit den Blutlinien, als ob es um den Familienname gehen würde.

Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Haflinger Zucht einen harten Schlag vor allem infolge der Entwendung seitens der deutschen Armee der besten Exemplare.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Selektion durch die Pferdeförderungsinstitute wiederaufgenommen und die Züchtergenossenschaften in Südtirol gründeten 1953 den Südtiroler Provinzverband der Haflingerzüchter, der sich seit der Gründung um die Förderung der Rasse und die planmäßige Organisation der Züchter aus dem Ursprungsgebiet kümmert.

Am 20. Dezember 1971 schlossen sich die Provinzzüchterverbände von Arezzo, Florenz, Grosseto, Pisa, Pistoia, Rieti und der Südtiroler Provinzverband der Haflingerzüchter zusammen und gründeten den Nationalverband der Haflingerpferdezüchter - Italien (Associazione Nazionale Allevatori Cavalli di Razza Haflinger - Italia) die offiziell mit der Führung des Zuchtbuches seit 1977 beauftragt wurde. Schon 1973 hat das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft die erste Zuchtbuchverordnung erlassen und die Rassenstandardmerkmale sowie die Anforderungen für die Vatertiereeintragung ins Zuchtbuch festgelegt. Diese Verordnung wurde mehrmals geändert und 1995 wurde die neue und heute noch gültige Zuchtbuchordnung erlassen. Seit der 80er Jahre ist die Selektion einer tiefgreifenden Neugestaltung unterworfen, denn es wurde schrittweise erforderlich, die Zuchtziele am modernen Pferdeeinsatz zur Erholung und zum Reittourismus anzupassen.

1991 hat der Technische Zentralausschuß des Verbandes zu diesem Zweck eine allgemeine Überprüfung des Hengstebestands angeordnet, um die besten Hengste für die Nachzucht auszuwählen. Die Überprüfung des Hengstebestands war eine erneuerungsträchtige und mutige nicht aber widerstandslose Entscheidung, die sich dann als erforderlicher Ausgangspunkt zur Neuqualifizierung der Rasse erwiesen hat. Die Einführung neuer Auswahlkriterien (Blatt zur morphologischen Linearbeurteilung, genetischer Index) hat zu unverhofften Ergebnissen in wenigen Jahren geführt. Das Image der italienischen Haflinger Rasse hat sich mit einer tiefgreifenden Verbesserung in der Morphologie geändert und die seit je im Ursprungsland erkennbare Rassenreinheit ist aufbewahrt worden.

Zur Zeit ist das Haflinger Pferd in allen Regionen unseres Landes verbreitet und setzt sich als die italienische Rasse mit der größten Exemplarenanzahl durch.

Stefano Viliani

 
STUTEN
im Zuchtbuch eingetragen
HENGSTE
im Zuchtbuch eingetragen
Gesamtanzahl
(Fohlen eingeschlossen)
Stand am
1.1.2007
5.508
248
10.225